Wie KI den Buchmarkt neu schreibt

Lesedauer: 3 Minuten

Ein Buch zu schreiben, ist für viele ein längeres, wenn nicht gar ein Lebensprojekt. Die künstliche Intelligenz könnte das ändern: Heute genügen oft wenige Prompts, um ein fertiges Werk zu generieren – und damit die Buchwelt auf den Kopf zu stellen.

Technologische Effizienz versus menschliche Kreativität: Mit Textgeneratoren, Bild-KI und automatisierten Publishing-Tools kann heute innert kurzer Zeit ein Buch erstellt und über Online-Plattformen rege verkauft werden. Welche Folgen hat das?

Die Schwemme der «schnellen» Bücher

Schon 2023 berichtete die Nachrichtenagentur Reuters, dass im Kindle-Store von Amazon mindestens 200 Bücher auftauchten, die ChatGPT als Autor oder Mitautor angaben. Heute spricht man von einer regelrechten Content-Explosion – einer Flut von automatisiert erstellten Inhalten, die ihre KI-Herkunft oft nicht offenlegen. Besonders in Genres wie Ratgebern, Reiseführern, Kinderbüchern sowie sogenannten Low-Content-Büchern wie Mal- oder Notizbüchern schiessen die Neuerscheinungen wie Pilze aus dem Boden.

Das lukrative Geschäftsmodell

Hinter vielen dieser Veröffentlichungen steckt ein simples Geschäftsmodell: die schiere Masse. Anstatt ein einzelnes hochwertiges Buch zu produzieren, versuchen einige Self-Publisher, möglichst viele Titel online zu stellen. Denn je mehr Titel jemand veröffentlicht, desto häufiger tauchen seine Bücher in Suchergebnissen auf. Die einzelnen Bücher bringen vielleicht nicht viel ein, aber viele kleine Verkäufe summieren sich. Und die Erstellung ist ganz einfach.

Ein Buch in wenigen Stunden

Bestsellerlisten geben Hinweise auf ein profitables Thema. Eine KI (z.B. ChatGPT) schlägt einen Buchtitel sowie eine detaillierte Kapitelübersicht vor. Die Kapitel werden entweder direkt generiert oder in Zusammenarbeit zwischen KI und Mensch («Human-in-the-loop») geschrieben. KI-Bildgeneratoren erstellen Illustrationen. Auch das Buchcover wird mithilfe von KI-Grafiktools entworfen. Das fertige Manuskript und Cover werden auf Plattformen wie Amazon KDP (Kindle Direct Publishing) hochgeladen. Amazon kümmert sich um Verkauf und Druck.

Weshalb so viele Kinderbücher?

KI-generierte Inhalte findet man gehäuft in den Genres Ratgeber, Reiseführer, Kinderbücher, Notiz- oder Malbücher. Die Gründe: Diese Genres folgen oft standardisierten Mustern, die für generative KI-Modelle leicht zu imitieren sind. Struktur und Stil sind einfach. Insbesondere Kinder- und Malbücher profitieren von kostengünstigen und konsistenten Illustrationen. Und nicht zuletzt werden diese Bücher oft spontan gekauft – als Geschenke oder schnelle Hilfe.

Wer kauft das?

Viele. KI-generierte Bücher sind oft mit entsprechenden Keywords darauf optimiert, in Suchergebnissen von Plattformen wie Amazon ganz oben zu erscheinen. Cover und Marketingtext wirken professionell. Zudem platzieren Autorinnen und Autoren ihre Werke in sehr kleinen Nischenkategorien (z.B. «Kinderbücher über Babysitting») – auch wenn sie nicht zwingend dahineinpassen. Hier reichen aber schon wenige Verkäufe aus, um auf der Bestsellerliste dieser Kategorie weit oben zu stehen. Das suggeriert Qualität und Relevanz.

Wie erkenne ich als Leserin ein KI-generiertes Buch?

KI-generierte Texte fallen (noch) auf: Die Titel sind austauschbar und auf Keywords ausgelegt («Top 50 Tipps für …»). Als Autorin oder Autor werden oft Allerweltsnamen wie Nina Blume oder Max Koch verwendet, Autorenfotos sehen beim genauen Hinschauen künstlich aus und Nachweise über die Autoren und ihre Hintergründe fehlen oft, ebenso ein korrektes Impressum. Die Texte klingen gleichförmig, repetitiv und seelenlos – und verlieren bisweilen den roten Faden. Auf Rezensionen kann man sich leider nicht verlassen, denn auch die können automatisiert erzeugt oder manipuliert sein.

Wenn Informationen gefährlich werden

Die Schattenseite der automatisierten Produktion ist ein zunehmender Qualitätsverlust und sogar eine reale Gefahr. Es wurden KI-generierte Bücher über ADHS oder Pilzsuche entdeckt, die falsche medizinische Ratschläge geben oder lebensgefährliche Tipps enthalten.

Ein Markt unter Druck

Für klassische Autoren wird das wirtschaftliche Überleben schwieriger. Autorinnen und Autoren berichten bereits von Einkommenseinbussen durch KI-Konkurrenz. Da der Markt mit Billigprodukten überschwemmt wird, steigen die Werbekosten auf Plattformen wie Amazon drastisch an – wer nicht zahlt, wird in den Suchergebnissen kaum noch gefunden.

Gegenmassnahmen der Plattformen

Als Reaktion auf die zunehmende Zahl automatisierter Veröffentlichungen haben Plattformen begonnen, ihre Regeln anzupassen. Amazon etwa verlangt inzwischen, dass Autorinnen und Autoren offenlegen, wenn Texte, Bilder oder Übersetzungen mithilfe von KI erstellt wurden. Das ist allerdings kaum zu überprüfen – und die Informationen werden nicht an die Kundinnen und Kunden weitergegeben. Zusätzlich wurden Beschränkungen eingeführt, wie viele Bücher ein Self-Publisher pro Tag hochladen darf. Auch das kann durch mehrere Upload-Accounts umgangen werden.

Qualität als neuer Filter?

Die Flut von seelenlosen Büchern könnte dazu führen, dass die handgemachte Qualität und die authentische Stimme einer Autorin oder eines Autors wieder deutlich mehr wertgeschätzt werden. Der Buchmarkt verändert sich rasant, aber die Sehnsucht nach echten, menschlichen Geschichten bleibt vermutlich unersetzlich.

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